Der Kapitalisierungsvertrag - Ausweg zu Negativzinsen und Verwahrentgelten?

Dirk Farkas-Richling, FAMOVIS GmbH (Freiburg)

  • 19. Mai 2021

Die Europäische Zentralbank erhebt seit September 2019 auf Einlagen von Kreditinstituten sog. Negativzinsen in Höhe von -0.5 %. Nachdem Banken diese Negativzinsen anfänglich nicht oder nicht in vollem Umfang (Freibeträge) an Ihre Kunden weitergegeben haben, hat sich das Bild mittlerweile gewandelt. Fast jede Bank erhebt nunmehr Negativzinsen von -0.5 % auf Einlagen oder hat sogenannte Verwahrentgelte eingeführt.

Vermögende Privatkunden als auch Unternehmen, die mitunter viel Liquidität auf Ihren Bankkonten vorhalten, fragen sich wie sie diese Kosten vermeiden können. Hierfür bieten sich insbesondere nachfolgende drei Strategien an.

 

1. Anlegen um Negativzinsen und Verwahrentgelte zu vermeiden

Der erste Ansatz zur Minimierung von Negativzinsen und Verwahrentgelten ist sehr einfach. Er besteht darin, die auf den Konten vorgehaltene Liquidität auf das absolut Notwendige zu reduzieren. Alles was nicht der Finanzierung laufender Ausgaben dient, oder dem Vorhalten einer Sicherheitsreserve, wird daher investiert. Hierdurch spart man nicht nur die Zahlung von Negativzinsen bzw. Verwahrentgelten ein, sondern wirkt auch der laufenden Geldentwertung entgegen. Wie wichtig eine solche Kompensation der laufenden Geldentwertung ist, zeigt nachfolgende Grafik, welche den harmonisierten Verbraucherpreisindex in der EU in den Jahren 2011 bis 2020 darstellt.

Inflationsrate

Quelle: https://ec.europa.eu/

Die durchschnittliche Inflationsrate im Zeitraum von 2011 bis 2020 lag dabei im Durchschnitt bei 1,3 % pro Jahr. Im ersten Quartal 2021 belief sie sich auf 1,5 %. Rechnet man diese hoch, so würde ein Betrag von € 1 Mio. im Jahr 2021 voraussichtlich € 15.000 an Kaufkraft verlieren. Die Anlage von überschüssiger Liquidität erscheint vor diesem Hintergrund dringend geboten.

 

2. Bargeld im Bankschließfach einlagern um Negativzinsen und Verwahrentgelte zu vermeiden

Wer nicht investieren möchte und trotzdem Negativzinsen sowie Verwahrentgelte vermeiden möchte, kann seine Liquidität in Barmitteln vorhalten. Hierzu wird das Kontoguthaben bar ausgezahlt und anschließend in einem Bankschließfach eingelagert. Die für ein Bankschließfach anfallenden Gebühren sind regelmäßig günstiger als die Verwahrentgelte und Negativzinsen, weil sich ihre Höhe anhand der Größe des Schließfachs und nicht nach der Höhe des Vermögens berechnet.
Da die Produktion bzw. Neu-Ausgabe der 500,- Euro Banknote bereits im Jahr 2016 gestoppt wurde (https://www.ecb.europa.eu/), ist für die Einlagerung von Bargeld die 200 Euro Banknote von Relevanz. Ihre Abmessungen betragen 153 mm x 77 mm (die-neuen-100-und-200-euro-banknoten-data.pdf). Ihre Stärke beträgt ca. 0,1 mm (Wikipededia Eurobanknoten). 5.000 Exemplare der 200 Euro Banknote, welche einem Gegenwert von € 1 Mio. entsprechen, würden übereinander gestapelt eine Höhe von ca. 50 cm ergeben. Nachfolgende Tabelle gibt eine erste Orientierung zur Wahl der richtigen Größe des Bankschließfachs.

Eingelagerter Betrag  Höhe des Geldstapels (in € 200 Banknoten)
€ 1 Mio. 50 cm
€ 0,5 Mio. 25 cm
€ 0,1 Mio. 5 cm

Quelle: Eigene Berechnungen

Bankschließfächer sind nicht genormt und unterscheiden sich von Bankgebäude zu Bankgebäude. In der Regel überschreiten sie jedoch eine maximale Höhe von 50 cm nicht. Ausgehend von diesen maximalen Abmessungen könnte man darin € 1 Mio. verstauen. Wichtig bei der Wahl eines Bankschließfaches ist, dass der Zugang zu diesem möglichst restriktiv sein sollte. Dies ist gewährleistet, wenn das Schließfach bzw. der Raum mit den Schließfächern nur nach Voranmeldung bei der Bank zugänglich ist und ein Zutritt dorthin außerhalb der Banköffnungszeiten nicht möglich ist. Zudem sollte der Zutritt für Unbefugte auch durch bauliche Maßnahmen entsprechend gesichert sein.

Nicht verschwiegen werden darf dabei, dass das Vorhalten einer Liquiditätsreserve in Barmitteln auch mit Nachteilen verbunden ist. Neben der bereits dargestellten Geldentwertung betrifft diese vor allem das Wieder-Inverkehrbringen der Barmittel. So sind Banken in Deutschland nach § 15 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 GwG z.B. verpflichtet Maßnahmen zu ergreifen, mit denen sich die Herkunft der Vermögenswerte bestimmen lässt. Wird Bargeld, das vorher im Bankschließfach eingelagert wurde, wieder auf das Konto eingezahlt, so ist der Herkunftsnachweis nur möglich, wenn bei der Barauszahlung der Mittel die Seriennummer jeder einzelnen Banknote von der Bank notiert wurde. Insoweit ist bei der Barauszahlung von Mitteln zwecks anschließender Einlagerung im Bankschließfach darauf zu achten, dass die Bank eine Liste mit den Seriennummern der Banknoten erstellt.

Beispiel: Euro Schein mit Seriennummer

Euro Schein mit Seriennummer

Quelle: Europäische Zentralbank

 

3. "Termingeldanlage" bei Versicherungen um Negativzinsen und Verwahrentgelte zu vermeiden

Eine weitere Möglichkeit Negativzinsen und Verwahrentgelte von Banken zu vermeiden, ist der Kapitalisierungsvertrag, der eine "Termingeldanlage" bei Lebensversicherungsunternehmen ist. Die Kapitalisierungsverträge werden von den jeweiligen Lebensversicherungsunternehmen individuell ausgestaltet, wobei die Garantie eines Zinssatzes über einen bestimmten Zeitraum, z.B. in einem Quartal, und das Recht des Kunden zur jederzeitigen Kündigung üblich ist. Unabhängig von diesen üblichen Vertragsbedingungen unterscheiden sich die Produkte aber in einzelnen Nuancen wie z.B. Kündigungsfristen. 
Das Geld des Kunden wird bei Kapitalisierungsverträgen durch die Protektor Lebensversicherungs-AG geschützt. Es handelt sich dabei um die Sicherungseinrichtung für Lebensversicherungsunternehmen in Deutschland, welche vom Bundesministerium der Finanzen im Wege der Rechtsverordnung mit den Aufgaben und Befugnissen des Sicherungsfonds der Lebensversicherer betraut wurde. Im Fall der Insolvenz eines Lebensversicherungsunternehmens führt die Protektor Lebensversicherungs-AG den Kapitalisierungsvertrag fort und sichert dem Kunden sein eingezahltes Guthaben sowie die garantierte Verzinsung.
Der Kapitalisierungsvertrag ist von der kurz laufenden Rentenversicherung gegen Einmalbeitrag zu unterscheiden. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass der Zins bei der Rentenversicherung von der Höhe der Überschussbeteiligung abhängt und der Kunde bei Kündigung der Versicherung nur den Rückkaufswert erhält. Insbesondere bei kurzen Laufzeiten von z.B. 1 bis 2 Jahren ist die Rentenversicherung gegen Einmalbeitrag wenig attraktiv, weshalb die Versicherungsunternehmen selbst eine Vertragslaufzeit von zumindest 5 Jahren empfehlen. Einzig der Kapitalisierungsvertrag, nicht aber die Rentenversicherung, sollte daher als kurzfristige Geldanlage in Betracht gezogen werden.